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Wenn es nur noch bergab geht - Wurzenerin hilft aus dem Tal der Tränen (07.01.2016)

Nach schweren persönlichen Schicksalsschlägen: Beate Tost (71) engagiert sich seit Jahren für Angehörige von Demenzkranken

Wurzen. Ihren schwer kranken Mann hat sie bis zuletzt aufopferungsvoll begleitet, genauso wie ihren späteren dementen Lebenspartner: Beate Tost kann das Helfen nicht lassen. Nun steht sie auch noch einem fremden Paar bei, die Lasten der heimtückischen Krankheit zu schultern: "Ich kann einfach nicht zu Hause sitzen und warten, bis ich viereckige Augen bekomme."

Die 71-jährige Wurzenerin ist Leiterin der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken. Immer am letzten Mittwoch im Monat, 15 Uhr, trifft sich ihre Gruppe im Mehrgenerationenhaus. "Als ich damals als Betroffene in die Gruppe kam, war ich völlig aufgelöst und am Boden zerstört. Die Mitglieder hatten mich aufgefangen, jetzt will ich was zurück geben."

Ihr Mann starb vor 15 Jahren. Auf einer Kur lernte Beate Tost ihren neuen Lebensgefährten kennen und lieben. "Er war alleine, ich war alleine." Zunächst wohnte jeder noch für sich. Man besuchte sich regelmäßig. Mal er sie in Wurzen, mal sie ihn in Wiesbaden. Irgendwann kam er mit der Diagnose: mittelschwere Demenz, Typ Alzheimer. Er zog vom Main an die Mulde, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr. Als er die Jacke verkehrt herum trug, brachte er nur noch drei Worte heraus: "Bitte hilf mir."

Rentnerin Beate Tost traute es sich anfangs auch zu, sie, die gelernte Krankenschwester, die später als Sachbearbeiterin in BHG und Nahrungsmittelwerk arbeitete. Doch es war sehr hart, zu hart für sie: "Zu sehen, wie ein naher Mensch immer mehr abbaut, wie er alle Erinnerungen verliert - das tut weh. Vor allem konnte ich ihm ja keinerlei Stichworte geben, an die er sich hätte klammern können, dafür kannte ich ihn nicht lang genug." Pflegestufe, Pflegedienst, Pflegeheim - alles prasselte auf sie ein. Im April 2011 verstarb der Partner. Fortan kümmert sich Beate Tost um zwei Gräber auf dem Friedhof.

Die Selbsthilfegruppe blieb ihre Heimat. Sie will Betroffene vor Fehlern bewahren, die ihr vielleicht selber unterliefen: "Wenn der erkrankte Partner sagt, das Ding ist rot, dann ist es eben rot und nicht grün. Es hat keinen Sinn, da großartig zu diskutieren. Das bringt nur Unfrieden. Um Himmels willen, bloß keine Widerworte!" Pflegende stünden vor einer Riesenherausforderung, sagt die Leiterin: "Gerade Frauen neigen oft dazu, sich bis zur Selbstaufgabe zu schinden. Wenn es so weit ist, brauchen sie Rat - den wir zu geben bereit sind."

Demenz ist nach wie vor ein Tabuthema. Es kostet Angehörige viel Überwindung, Kontakt zur nächsten Selbsthilfegruppe zu suchen. 14 Wurzener und Bennewitzer gehören zum harten Kern von Beate Tosts Mannschaft. Kein gesprochenes Wort, ob über Inkontinenz, Aggression oder Vorsorgevollmacht, dringe nach außen, versichert die Leiterin: "Bei uns wird nicht getratscht."

Beate Tost engagiert sich zusätzlich im Pflegeheim Kleegasse: Zweimal im Monat, jeweils am ersten und dritten Donnerstag, initiiert sie das Spielecafé: "Unser Ziel ist es, Heimbewohner mit Senioren der Umgebung zusammenzubringen, was bislang leider noch nicht wie gewünscht gelang." Die Bewohner würfeln jedenfalls mit großem Eifer, und das Pflegepersonal wird dadurch zumindest mal für kurze Zeit entlastet.

Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin ist voll des Lobes über die Leiterin der Selbsthilfegruppe: "Ich habe Hochachtung vor ihr. Frau Tost gehört zu jenen Wurzenern, die nicht viele Worte um ihr Tun machen, stattdessen einfach anpacken und somit vielen Menschen helfen."

Als ob die betagte Dame nicht schon genug ausgelastet wäre, unterstützt sie auch noch den Vorsitzenden des Fördervereins Altershilfe Muldental, Hans-Werner Bärsch. Um die Arbeit der Selbsthilfegruppen in Bad Lausick, Colditz, Grimma, Brandis und Wurzen noch besser zu koordinieren, sitzt sie ehrenamtlich am Computer. Außerdem belegte sie einen Keramikkurs, den ihr die Tochter geschenkt hat. Seitdem überrascht sie ihre Mitglieder zur Weihnachtsfeier mit getöpferten Engeln: "Arbeit hält jung. Bald werde ich 72, dann kann ich immer stolz verkünden, 27 zu sein", flunkert die Nimmermüde.

Text zum Foto:Immer optimistisch: Beate Tost ist die Leiterin der Wurzener Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken.
Foto: Thomas Kube

VON HAIG LATCHINIAN
Leipziger Volkszeitung Ausgabe Muldental 06.01.2016

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