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In guten wie in schlechten Zeiten (04.10.2013)

Manfred Voigt leidet an einer seltenen Form der Alzheimer-Krankheit
Machern. Rund 100 der knapp 7000 Einwohner von Machern haben eine Demenz, bei den meisten ausgelöst durch die Alzheimer-Krankheit. Am häufigsten trifft es die, die älter als 85 Jahre sind. Manchmal aber auch Jüngere wie Manfred Voigt. Der 66-Jährige hat eine seltene Form der Krankheit, die Fachleute als Frontotemporale Demenz bezeichnen. Vor drei Jahren bekam er die Diagnose - und hat seitdem rapide abgebaut.
"Bitte erschlag mich." Es ist ein Satz, den Maritta Voigt nicht vergessen wird. Er kommt aus dem Mund ihres Ehemannes. Sie nimmt ihn nicht ernst. Natürlich nicht, obwohl die Machernerin nie weiß, wann ihr Mann klar im Kopf ist und wann nicht. Manfred Voigt leidet an Alzheimer, einer Krankheit, bei der die Nervenbahnen im Gehirn nach und nach absterben.
Auf den ersten Blick sieht man dem großen, schlanken Mann mit den grauen Haaren die Krankheit nicht an. Allein sein starrer Blick verrät, dass er in einer anderen Welt lebt. Es dauert lange, bis er eine Frage versteht, selten gibt er eine logische Antwort. Immer wieder sagt er ein paar Worte, lächelt viel.
Dass sie ihren Manni, wie sie ihn liebevoll nennt, einmal pflegen muss, konnte sich Maritta Voigt früher nicht vorstellen. Die ehemalige Verkäuferin und der pensionierte Hausmeister wollten ihre Rente genießen. "Sich mal was anschauen", sagt die 62-Jährige. Doch mit dem Eintritt ins Seniorenalter veränderte sich Manfred Voigt. Beim Autofahren reagierte er nicht mehr auf rote Ampeln, rupfte Pflanzen aus dem Garten, war häufig müde. "Er ist irgendwie anders geworden", sagt seine Frau.
Anfangs schob sie das auf die neue Situation, schließlich suchten beide einen Arzt auf. Der stellte vor drei Jahren die erschreckende Diagnose: Demenz. Ausgelöst durch eine seltene Form des Alzheimers, die nur bei drei Prozent aller Erkrankten auftritt und bei der die Betroffenen geistig besonders schnell abbauen. Für Maritta Voigt war es ein Schock. "Ich wollte bloß weg, weg, weg", erinnert sie sich. Ihr erster Gedanke: "Das packst du nie."
Heute meistert die resolute Frau den Alltag mit ihrem dementen Mann. Ohne sie wäre er mittlerweile völlig hilflos. Sie füttern ihn, windelt ihn für die Nacht. Seit er im vergangenen Jahr von der Treppe stürzte und sich eine Rippe brach, hat sie im Erdgeschoss ein Bett für ihn hergerichtet. Über eine Klingel kann Voigt seine Frau, die oben schläft, jederzeit erreichen.
Was ihr am meisten Sorgen bereitet, ist sein schneller geistiger und körperlicher Verfall. Dass er seine Brille mit einem Wasserglas verwechselt und deswegen laut schreit, ist noch harmlos. Einmal klingelte er seine Frau nachts um vier heraus und fragte: "Ich wollte bloß wissen, wie alt du bist." Noch im vergangenen Jahr säte er im Garten eigenhändig Radieschen und Bohnen. Seit einer Weile kann er nicht mal mehr allein laufen. Manfred Voigt ist 1,86 Meter, seine Frau um einiges kleiner. Wenn er aufstehen will, umklammert er ihren Rücken und ruft "Hops". Dann gehen beide vorwärts, ganz langsam, Schritt für Schritt.
Seine schlechte körperliche Verfassung liegt nicht allein an der Alzheimer-Krankheit. Vor fünf Jahren wurde Manfred Voigt am Rücken operiert, zwei seiner Wirbel sind seither mit Metallplatten verstärkt. "Es vergeht keine Woche, in der er nicht ein, zwei Mal stürzt", klagt seine Frau. Unterstützung leistet der gemeinsame Sohn. Der 41-Jährige wohnt mit auf dem Grundstück. Sonntags hilft er, den Vater zu baden.
Anfangs betreute Maritta Voigt ihren Mann noch allein zu Hause. Seit Januar bringt sie ihn in eine Tagespflege, inzwischen vier Tage pro Woche. "Jetzt, wo er nicht mehr laufen kann, packe ich das allein nicht mehr." Maritta Voigt hat selbst Knieprobleme. Sie schafft es kaum, den Haushalt zu schmeißen. "Man macht alles auf Krampf, immer schnell, schnell." Zeit für sich selbst findet sie kaum noch. Ihr Hobby - Bauchtanz - hat sie aufgegeben. Sie kann ihren Mann nicht mehr allein lassen. Auch gemeinsame Ausflüge sind nicht mehr möglich. Mit einer Reisegruppe fuhr das Paar im Herbst ins thüringische Bad Sulzach. Bei einem Badeausflug wäre Manfred Voigt beinahe gestürzt. Maritta Voigt sagt: "Das Wochenende war für mich keine Erholung."
Vor zwei Jahren schloss sie sich einer Selbsthilfegruppe an. Seitdem kann sie mit der Situation besser umgehen. "Ich habe dadurch viel Kraft gesammelt", sagt die Rentnerin. Mit den anderen Angehörigen kann sie über vieles sprechen, was einige Bekannte schon nicht mehr hören wollen. Dort erzählt sie auch, dass ihr Mann sie eines Abends rief und ihr mitteilte, dass er jetzt sterbe. Es sind solche Momente, die sie seelisch belasten. Ob er sich den Tod manchmal wirklich wünscht?
Maritta Voigt sagt, dass Manfred ständig Angst habe, dass sie ihn im Stich lasse. Sie antwortet dann: "Wir sind 42 Jahre verheiratet. Da verlasse ich dich doch nicht mehr." Sie macht eine kurze Pause. "Wir haben uns doch geschworen: In guten wie in schlechten Zeiten." Voigt will ihren Mann so lange wie möglich zu Hause betreuen. Wenn er irgendwann bettlägerig wird, soll ein Pflegedienst kommen. Sie weiß, dass er unbedingt zu Hause sterben möchte. Manfred Voigt starrt geradeaus und sagt leise: "Uns geht's gut."

Text zum Foto: Maritta Voigt kümmert sich liebevoll um ihren Ehemann Manfred. Seit dieser an Alzheimer erkrankt ist, ist er komplett auf ihre Hilfe angewiesen.

Gina Apitz
Leipziger Volkszeitung Ausgabe Muldental 02.10.2013 Seite 33
Foto: Andreas Röse

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